Unsere Vergangenheit - Gemeinschaft seit 30 Jahren
Von 1993 bis Sommer 1997 lag unser Lebensmittelpunkt zur Hauptsache in der Schweiz. Davor lebten wir im Süden Münchens bei Wolfratshausen. Über fünfzehn Jahre bildeten wir dort die Keim- und Kernzelle einer soziokulturellen Initiative, dem Temenos Projekt, das in seiner Blütezeit für viele Menschen in ganz Deutschland ein ermutigendes Modell selbstbestimmten Denkens und Handelns war. Mit "Temenos", griechisch, meinten wir einen geschützten Raum, in dem man erfahren, lernen und erproben kann, wie man inmitten der modernen Welt ein schöpferisches Leben führt. Dieser geschützte Raum existierte nicht nur in Form verschiedener Begegnungs- und Arbeitsstätten. Er entstand vor allem im übertragenen Sinn in dem, was wir Neue Nachbarschaft nannten. Unsere damalige Utopie war, in der von zunehmender Vereinzelung geprägten, halb ländlichen, halb städtischen Gesellschaft zu Lebensformen zu finden, die unsere Bedürfnisse nach tiefen Beziehungen, nach Geborgenheit und sinnvollen Tätigkeiten erfüllten.
Das virtuelle Dorf entstand: Obwohl wir in mehreren Ortschaften verstreut wohnten, suchten wir Begegnungsformen, die aus der dörflichen Sozialkultur bekannt sind. Über eine bloße Interessensgemeinschaft hinaus wollten wir uns für ein Geben und Nehmen auf fundamentaler Ebene öffnen und ein vorbehaltloses Vertrauen entfalten - etwas, wozu vielen Menschen heutzutage der Mut fehlt. Dazu mußte die Erkenntnis, daß so ein Vertrauen nur in einem angstfreien Raum gedeihen kann, den Weg vom Kopf in Herz und Hand finden.
Die Verwirklichung dieser Utopie bedeutete innere Arbeit und Mut zur persönlichen Veränderung. Ohne Konflikte mit der äußeren Welt war dies jedoch nur möglich, wenn die beteiligten Menschen innerhalb des Temenos Projekts nicht nur emotionale Heimat, sondern auch konkrete Arbeit fanden. So entwickelten wir Tätigkeitsfelder, die professionellen Einsatz ermöglichten und die zusätzliche Mittel abwarfen, um unsere ideellen Vorhaben aus eigener Tasche finanzieren zu können. Damit erarbeiteten wir uns die Prinzipien ganzheitlichen Wirtschaftens von Grund auf - Denkfehler und Mißgeschicke inbegriffen.
Der folgende Abschnitt gibt einen kurzen Überblick über die Stationen auf unserem Weg nach Klein Jasedow:
Chronologie der Ereignisse
Die Temenos-Initiative in Wolfratshausen
Das Ganze nahm nach mehrjähriger intensiver Suche nach angemessenen Lebensformen im Jahre 1977 Gestalt an, als einige von uns von München nach Wolfratshausen aufs Land zogen. Aus unserem Einkaufsring für biologische Lebensmittel wurde rasch ein Heimservice für Naturprodukte. Die Konzert- und Seminartätigkeit der Gründer floß in einer Musikproduktion mit Unterrichtsstudio zusammen. Eine Schreinerei entstand. Unser moderner Naturkostladen wurde zu einem Kommunikationszentrum der Region. Ein Kleinverlag kam hinzu. Um freie Bildungsmöglichkeiten für die Kinder zu schaffen, gründeten wir den Temenos Kindergarten, der als Modell große Anerkennung fand und aus dem eine Freie Schule wachsen sollte. Die Weigerung eines jungen Mitglieds der Gemeinschaft, weiterhin zur Schule zu gehen, bewog uns schließlich zur Gründung der freien Temenos Lerngruppe. Aus dem Provisorium entwickelte sich über vier Jahre hinweg ein einzigartiger Lernraum, in dem Kinder, Eltern und Begleiterin das dem Lernen gewidmete Leben autonom gestalteten. Um die Schulverweigerung fochten wir mit dem Freistaat Bayern einen Rechtsstreit aus, den wir nach zwei Jahren mit einem bundesweit einmaligen Freispruch gewannen. Dennoch war das Kultusministerium trotz grundsätzlicher Sympathien nicht bereit, das Modell unserer dezentralen Familienschule zu genehmigen, und verfügte 1992 die Schließung der Temenos Lerngruppe. Während dieser Blütezeit des Temenos Projekts bestand der Kern der Gemeinschaft aus siebzehn Personen, die gemeinsam wirtschafteten und einstimmig entschieden. Um diesen Kern gruppierten sich bis zu fünfzig Familien, die vielfältige Aktivitäten einbrachten: Es gab diverse Kinder- und Musikgruppen, ein Malatelier, eine Nähstube, wöchentliche Gesprächsrunden, Fortbildungsveranstaltungen, Konzerte und die beliebten Familientage. Dazu leistete eine große Schar von Förderern mannigfache Unterstützung. Die Wirtschaftseinheiten wurden in einer gemeinsamen Mutterfirma zu lebensfähigen Betrieben "herangebrütet" und dann in die Selbständigkeit entlassen. Die zunehmende Professionalisierung im Kommunikationsbereich öffnete uns Wege in die Industrie und verschaffte uns zum Teil langjährige Beratungsprojekte. Im Zusammenhang damit entstand ein Studio für Computersatz und Grafik.
Umzug in die Schweiz
Für ein selbstentwickeltes Computerprogramm fanden wir einen Vertriebspartner in der Schweiz. Dies veranlaßte uns, 1993 das Temenos Projekt zu verlassen und am Genfer See Neuland zu suchen: Mit einem erfolgreichen Softwareunternehmen hofften wir, weitere Mittel für eine Ausweitung unserer soziokulturellen Vorhaben erwirtschaften zu können. Wir waren uns bewußt, daß die Aufgabe, in einem fremden Land aus dem Nichts ein Unternehmen aufzubauen, enormen Einsatz erfordern und für ideelle Aktivitäten längere Zeit keinen Raum lassen würde. Im Sommer 1996 hatten wir die Basis für zukünftigen Erfolg geschaffen - was die Softwarefirma betraf: Die ShakeHands Software Ltd war gut auf dem Markt etabliert und begann erstmals, die enormen Mittel, die wir investiert hatten, zurückzuspielen. Inzwischen hatte sich jedoch das Innovationstempo so sehr beschleunigt, und wir erkannten, daß wir auch in Zukunft sämtliche Kräfte und Mittel in das Unternehmen stecken müßten, um in diesem Rennen mithalten zu können.
Enscheidung für einen Neuanfang
Dies war jedoch nicht unser Ziel. Das Softwareprojekt war wirtschaftliches Mittel zum sozialen Zweck. Wenn jedoch ein Mittel zum Zweck beginnt, die Kräfte zu absorbieren, die für den Zweck gebraucht werden, wird es untauglich. Deshalb entschieden wir uns im Sommer 1996, unseren Lebensplan zu korrigieren. In dieser Phase zerbrach die Beziehung zu unserem Schweizer Partner, der eine wirtschaftlich unersetzbare Position in unserem Unternehmen innehatte. In der Folge mußten wir die Softwarefirma in andere Hände übergeben und alle Investitionen in den Wind schreiben. So begaben wir uns arm an Geld, aber reich an Erfahrungen, auf die Suche nach einem neuen Ort. Dieser sollte sich für einen langen Lebensabschnitt als Heimat eignen und gewährleisten, daß wir wieder in denjenigen Bereichen tätig sein können, in denen unsere besten Fähigkeiten liegen und in denen wir über lange Zeit wirksam waren: Musik, Soziokultur, Kommunikation, Ökologie und Bildung.
Die Gegenwart - im Neuland Wurzeln schlagen
Die Suche nach dem neuen Lebensort führte uns über einen Artikel im Nachrichtenmagazin Der Spiegel in die Gemeinde Pulow an der vorpommerschen Ostseeküste. Der Hinweis auf ein vom Erdboden verschwundenes Dorf - Warnekow (davon zu späterem Zeitpunkt mehr) - faszinierte uns derart, daß wir beschlossen, der Gemeinde den Wiederaufbau vorzuschlagen. Wir fanden uneingeschränkte Unterstützung durch den Gemeinderat und wagten im Juni 1997 den Umzug in das halb verfallene Dörflein Klein Jasedow, das ebenfalls zur Gemeinde Pulow gehört. Inzwischen sind wir längst vollständig überzeugt, genau den richtigen Ort für uns gefunden zu haben. Für die vielfachen und zum Teil gewaltigen Aufgaben des Wiederaufbaus dieser ausgebluteten Region, deren Infrastruktur großenteils noch aus den Zeiten vor dem 2. Weltkrieg stammt, fühlen wir uns gut gerüstet: Wir besitzen Erfahrung im öffentlichen Leben, im Kulturbetrieb und der Politik ebenso wie in der Wirtschaft. Wir blicken auf eine über zwanzigjährige, erfolgreiche Lebenspraxis in schöpferischer Gemeinschaft mit anderen Menschen zurück. Wir verfügen über einen großen Freundeskreis, der uns die Zuversicht gibt, mit unserem ideellen Engagement auf festem Boden zu stehen. Außerdem fühlen wir enorme Freude, an einer positiven Aufgabe mitzuwirken. Um eine Utopie Wirklichkeit werden zu lassen, müssen zur rechten Zeit alle wesentlichen Faktoren stimmen. Ein Gemeinschaftswerk wie die Wiederbelebung der Dörflein der Gemeinde Pulow hat viele Hürden zu nehmen und braucht Zeit und Geduld.
